DAV-Klettersteigausfahrt rund um Corvara

vom 11.07. – 14.07.2019

Weltnaturerbe – und dann noch die schönsten, perfektesten Klettersteige, die man sich in gewaltiger Kulisse vorstellen kann, die Erwartungen waren schon hoch gesteckt. Nach einer etwas holprigen Fahrt erreichten wir später als erwartet unser Ziel in Kolfuschg, so dass unser erster geplanter (Übungs- ) Klettersteig ( K 4 )  in eine Erkundungswanderung zum Einstieg des selben umgewandelt wurde mit einer Einkehr in der Franz-Kostner-Hütte, was auch gut so war, denn auf dem Rückweg zur Bergstation wurden wir doch noch von einem Regenschauer überrascht. So blieb doch noch die Hoffnung, dass sich unsere weiteren Projekte erfüllen mögen. Am nächsten Tag also in aller Früh zum `Pößnecker` in Reichweite des Sellajochs, um rechtzeitig zurück zu sein bis zum vorhergesagten Regen am Nachmittag. Um 9 Uhr also los, eine halbe Stunde bis zum Einstieg, dann 3 1/ 2 Stunden intensives Klettersteiggehen. Sehr schwierig, manchmal auch kräfteraubend, aber immer so trassiert, dass selbst in senkrechten Passagen Trittflächen im Gestein zu finden waren, kaum künstliche Steighilfen, ein wahres Vergnügen dort hinauf zu steigen. Dann auch Passagen, leichter aber ohne Sicherungen, noch ein senkrechter Kamin, schließlich erreichen wir den Ausstieg und nach  3 ½ Stunden den Gipfel Piz Selva ( 2941 m ). Bis hierher ein Genuss pur. Der Himmel beginnt sich zu verdunkeln, nur ein kurzes Gipfelfoto und dann beginnt unser langer Marsch über die gesamte Hochfläche bis zur Gamsscharte, begleitet jetzt von leichtem Regen und kleinen Schneeflöckchen, wir haben es jetzt sehr eilig. Ab der Gamsscharte beginnt der lange Abstieg, meist auf schottrigen Wegen abwärts, und der Rückweg endet nie. Zum Glück bessert sich das Wetter wieder, doch der lange Marsch zehrt an der Substanz. Ein paar Gämsen bieten uns eine Abwechslung, vielleicht wurden wir dadurch etwas abgelenkt und so landen wir eine Kehre tiefer an der Sellajochstrasse, die wir zum guten Schluß noch eine lange ¾ Stunde hochlaufen müssen zu unseren Autos. Damit war der 9 – Stundentag perfekt, doch wir waren sowas von glücklich und zufrieden, weil dieser Klettersteig alle Erwartungen in Anlage, Exponiertheit, Schönheit erfüllt hat und noch dazu eine Portion Ausdauer verlangt. Wir waren an diesem Tag die einzigen, die dieses Glück erleben durften. `Tomaselli`, ein ebenso magisches Zauberwort, wenn von außergewöhnlichen Klettersteigen in den Dolomiten die Rede ist. Wir waren gut erholt, und so waren wir am nächsten Tag frühzeitig auf der Fahrt zum Falzaregopass, um mit der ersten Seilbahn zum Kleinen Lagazuoi ( 2752 m ) hochzufahren. Das Wetter ist stabil bei 4 ° C und eisigem Wind. Ein guter Grund, etwas schneller zu gehen zum Einstieg auf 2650 m. Donnerwetter – wir waren dann doch etwas überrascht, wie kräftezehrend dieser Klettersteig angelegt ist. Gleich am Anfang eine trittarme ( – lose ) Querung, senkrecht bis überhängende Felsstufen, ausgesetzte Kanten und Wandstellen haben uns wirklich alles abverlangt. Die Freude und Genugtuung, die uns am Gipfel der südlichen Fanisspitze ( 2980 m ) nach 1 ½ Stunden Kletterspaß erfüllt hat, war daher umso größer. Danach der gesicherte, steile und ausgesetzte Abstieg und zuletzt in einer steilen Schotterrinne zurück auf den normalen Talweg zum Falzaregopaß auf 2105 m. Beide Klettersteige, sowohl `Pößnecker` als auch `Tomaselli `, werden mit K 5 eingestuft, der `Tomaselli` erfordert jedoch sehr viel mehr Krafteinsatz. Ein Bierchen nach 7 Stunden purer Einsatzfreude war daher mehr als gerechtfertigt.  Es war Wochenende und wir waren dieses Mal nicht allein. Belohnung dann auch in unserem vorzüglichen Hotel Jägerhof in Kolfuschg, in dem wir uns sehr wohlgefühlt haben mit exzellentem Essen und superfreundlichen Angestellten.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und so genossen wir am letzten Tag den Klettersteig zum Boeseekofel ( 2910 m ) in Corvara, den wir am 1. Tag ausfallen ließen. Mit Seilbahn und Sessellift ging es noch einmal nach oben, und nach einer halben Stunde war der Einstieg erreicht. Es war Sonntag, das Wetter war ausgezeichnet, somit war Warten am Einstieg angesagt. Danach ging es jedoch flott voran, nur an 2 senkrechten Leitern war ein Moment des Innehaltens angesagt. Doch auch hier insgesamt genußvolles Klettern mit einigen heiklen Stellen. Zuletzt noch eine kleine Wegstrecke zum Gipfel und bequemer Ausklang beim Abstieg zur Seilbahnstation. Wehmütiges Auseinandergehen beim Abschied in der kleinen Bar neben der Talstation in Corvara. Die 4 Tage haben uns sichtlich mit gegenseitiger Bewunderung und Stolz erfüllt, die bärenstarke Truppe, bestehend aus 5 meist `betagten` Männern und dem guten Geist Sonja, war sich sehr bewußt, diese herausragenden Klettersteige in der Wunderwelt der Dolomiten unfallfrei erlebt haben zu dürfen. Sie werden uns  in ewiger Erinnerung bleiben.

Text und Fotos: Karl Ostermann